Viel geredet, nichts besprochen: Der Berliner Weltkongress der Architektur ist am eigenen Berufsstand gescheitert
Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven musste seinen Kindern schon eine sehr gute Erklärung dafür geben, warum er den gemeinsamen Portugal-Urlaub abbrechen wolle - nur um ein 5-minütiges Statement auf dem 21. Architektur-Weltkongress in Berlin abzugeben. Um es vorweg zu nehmen: Sein Kurztrip hat sich gelohnt. Mehrere tausend Kongressbesucher dagegen fragten sich an jedem der fünf Tage des gestern zu Ende gegangenen Kongresses aufs Neue, warum sie sich diese Tortur denn bloß angetan hatten.
Zum ersten Mal fand das nur alle drei Jahre anberaumte "Gipfeltreffen" der Union Internationale des Architectes (UIA), die weltweit rund 1,2 Millionen Architekten vertritt, in Deutschland statt. Der ausrichtende Bund Deutscher Architekten hatte sich vor sechs Jahren mit Berlin und dem vielversprechenden Thema "Ressource Architektur" gegen starke internationale Konkurrenz durchgesetzt. Den überwältigenden Erfolg des KonLrresses@ von Barcelonä 1996 mit sagenhäften 13 800 Teilnehmern vor Augen, schien alles bereit für ein großes Fes-' tival in der deutschen Architekturhauptstadt. Doch es kam ganz anders: Nur rund die Hälfte der erwarteten 10 000 Teilnehmer fand den Weg ins Intemationale Congress Centrum (ICC), und wer gekommen war, nahm schließlich vor allem die ernüchtemde Erfahrung mit nach Hause, viel Lebenszeit für wenig Erkenntnisgewinn geopfert zu haben.
Architekten sind kommunikationsgestörte Autisten. Die Unfähigkeit, mal über etwas anderes als das eigene Werk zu sprechen oder es zumindest in einen größeren Zusammenhang zu stellen und gerade daraus neue Erkenntnisse abzuleiten, einte im ICC berühmte und weniger berühmte Baumeister aus aller Welt. So war es bezeichnend, dass die besten, weil reflexiven und zugleich äußerst prägnanten Beiträge von einem Ingenieur (Jörg Schlaich), von Soziologen, Stadtplanern und einer Landschaftsarchitektin (Donata Valentien) stammten - und eben von Jenem Christoph Ingenhoven, der in Martin-Luther-King-Manier seinen Traum von einer besseren-und keineswegs utopischen -Architektur des Jahres 2003 deklamierte.
Zwar hatte auch Ingenhoven letztlich keine neuen Lösungen für die vielfältigen Probleme der gebauten und vor allem der noch nicht bebauten Umwelt zu bieten. Doch erschöpften sich seine Appelle an den eigenen Berufsstand nicht darin, wieder mehr soziale Verantwortung zu übernehmen (dies schrieb den Architekten Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Poesiealbum). Vielmehr forderte er eine ernsthafte, nicht nur formal-oberf,lächliche Auseinandersetzung mit der Architektur, "die auch Spaß machen" dürfe. Mit seinem verblüffend einfachen Leitbild zeigte der PR-Profi Ingenhoven den Berufskollegen, wie man sich selbst als Vertreter einer weitgehend marginali-sierten Berufsgruppe durchaus Gehör verschaffen kann.
Mehr "enthusiastischen Pragmatismus" (Ingenhoven) hätte man sich auch von anderen, vor allem von den wenigen wirklichen Architektur-Stars dieses - zudem geradezu penetrant die europäische, insbesondere die deutsche Perspektive überbetonenden - Kongresses erhofft. (Wo waren eigentlich Rein Koolhaas, Daniel Libeskind und die letzten Pritzker Preisträger Herzog / de Meuron und Gelnn Murcutt, wo war Tom Sieverts, der"Vater" der" Zwischenstadt"?) Stattdessen hatte Peter Eisenman in seinem langatmigen Statement nicht mehr als die Selbst-verständlichkeit zu bieten, dass der Architekt die geschichtlichen Spuren eines Baugeländes lesen und darauf eine individuelle Antwort geben müsse; dass er sich selbst widersprach, als er bekannte, den gleichen Entwurfsansatz wie beim Berliner Holocaust-Mahnmal auch für einen Park in Santiago de Compostela und für das New Yorker" Ground Zero"-Denkmal verwendet zu haben, ist vermutlich nicht mal ihm selbst aufgefallen.

 

Im Dämmstoffschlaf

Das erstaunlich genügsame Publikum erwachte nur einmal aus seinem mehrtägigen Dämmerschlaf. Als ein säuerlicher Hans Kollhoff seine übliche Bestandsaufnahme, wonach das 20. Jahrhundert ein Übermaß an Innovation (zu Lasten; der Tradition) gebracht habe. Als Rechtfertigung eines Wiederaufbaus des Stadtschlosses zweckentfremdete. Christoph Ingenhoven, der seine Alternative eines Parks auf dem Schlossplatz nur ganz beiläufig in seinen Almanach 2030 aufgenommen hatte, war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder auf dem Weg zurück nach Portugal - für eine anschließende Diskussion der unter-schiedlichen Positionen hätte ohnehin, wie bei fast allen Veranstaltungen dieses Kongresses, die nötige Zeit gefehlt.
Gerade in Krisenzeiten haben Architekten immer wieder die Fähigkeit bewiesen, Visionen zu entwickeln und mit Mut neue Wege zu beschreiten. Davon war in Berlin aber nur wenig zu spüren. Am Ende beschlichen viele Zuhöre, Referenten und Moderatoren das Gefühl, dass das eigentlich ergiebige Thema"Ressource Architektur" bei weitem nicht ausgeschöpft, sondern geradezu verschenkt worden war. Schließlich blieben nicht nur die zehn Fragen, die Karl Ganser als Sprecher des wissenschaftlichen Komitees des Kongresses zu Beginn formuliert hatte, unbeantwortet. Es drängten sich vielmehr neue Fragen auf: zum Beispiel die nach der Zukunft des Bundes Deutscher Architekten, der wegen des erheblichen finanziellen Verlustes durch den Kongress und wegen einer schon lange schwelenden Identitätskrise im hundertsten Jahr seines Bestehens schweren Zeiten entgegensieht.
Es muss aber auch die Frage erlaubt sein, ob eine solche Mammutveranstaltung wie der UIA-Kongress, bei dem viel geredet und nichts wirklich besprochen wurde, überhaupt einen Sinn macht. Zumal wenn sie an einem solch unwirtlichen Ort wie dem ICC, fernab der Nachwende-"Bauausstellung" in der Berliner Mitte (die zu kontroversen Diskussionen hätte anregen können) stattfindet. Nach fünf Tagen in diesem "Raumschiff " , das
allenfalls noch als gebaute Antithese der -stadträumlich und ökologisch korrekten Ressource Architektur oder als Kulisse von retrospektiven Science-fiction-Filmen eine Existenzberechtigung hat, dachte mancher Teilnehmer mit Sehnsucht an Barcelona 1996, wo die reale Stadt mit ihren vielen unterschiedlichen, gleichwohl zentralen Veranstaltungsorten zum Selbst-verständlichen Anschauungs- und Diskursgegenstand eines zudem viel strafferen Kongresses gemacht worden war. Diese Chance wurde in Berlin geradezu leichtfertig vertan.

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